Der tiergartenbiologische Ansatz

Es wurde bereits erwähnt, dass der Begriff „artgerecht“ abhängig von den verschiedenen Interessen derjenigen, die definieren oder definieren lassen, sehr unterschiedlich bestimmt wird und es letztlich eine ethische Definition ist. So bevorzugt ein Produzent von Hühnereiern eine andere Definition als jemand, der zur Arterhaltung eine seltene Wildhühnerart im Zoo pflegt, oder als jemand, der Papageien im Wohnzimmer hält und dann vielleicht eher dem Begriff „tiergerecht“ zuneigt.

Angesprochen wurde ebenfalls, dass artgerechte Haltung häufig als eine möglichst exakte Kopie des Freilebens definiert wird.
Pragmatischer, wissenschaftlicher und für den Halter und Pfleger von Papageien nützlicher ist meiner Meinung aber der tiergartenbiologische Ansatz für ein artgerechtes Haltungssystem.

Borstenkopf Walsrode

In der Tiergartenbiologie wird ein Haltungssystem dann als artgerecht (oder artgemäß) angesehen, wenn es fünf Kriterien vollständig erfüllt bzw. die Haltungsbedingungen folgende messbare Auswirkungen auf die Vögel haben:

1. eine gute Kondition, ein guter Gesundheitszustand;

2. eine durchschnittlich höhere Lebenserwartung als Tiere der gleichen Art im Freileben;

3. Fortpflanzungsfähigkeit;

4. ein starkes Immunsystem, so das infektiöse Krankheiten selten auftreten;

5. keine auffälligen Verhaltensabweichungen und keine Verhaltensstörungen.

Diese Kriterien sind für die Haltung von Wildtieren in Tiergärten und Zoos entwickelt worden.
Für die Papageienhaltung werden sie vorrangig deshalb als Maßstab angesehen, weil es sich nach überwiegender Fachmeinung bei den Papageien mit Ausnahme des Wellensittichs und des Nymphensittichs nicht um domestizierte Tiere (Haustiere wie Hund und Katze, Nutztiere wie Schwein und Huhn) handelt, sondern um wilde Tiere wie Adler oder Löwe.

Um diese Kriterien zu erfüllen, muss ein Haltungssystem folgende Merkmale aufweisen:

  1. Keine Käfighaltung, sondern die Haltung in einer Voliere im wörtlichen Sinne – die Vögel müssen darin fliegen können. 
  2. Keine Einzel- (Isolations-) haltung, sondern mindestens eine Paarhaltung.
  3. Eine ausgewogene, auf die Haltungsbedingungen abgestimmte und reichhaltige Ernährung.
  4. Eine „reizvolle“ Umwelt, d.h. die Vögel müssen Umweltreizen ausgesetzt sein, bspw. durch Spielzeug, Naturästen, Klimareizen, Bewegung im Umfeld, wechselndes Futter, Anwesenheit von Artgenossen.
  5. Der Besitzer fungiert nur als Beobachter und Pfleger.[1]

Es wird durchaus die Meinung vertreten, dass diese Kriterien bei der Haltung von (Groß-)Papageien in Privathand im Regelfall nicht erfüllt werden können und deshalb sogar die Privathaltung verboten werden sollte: beispielsweise das Papageienschutzzentrum Bremen oder Stellungnahme des Deutschen Tierschutzbundes zur Haltung von Exoten.[2]

In der Literatur findet sich aber ebenso die Auffassung, dass ein artgerechtes Haltungssystem nicht nur auf Zoos beschränkt sein muss, sondern nach tiergartenbiologischen Ansätzen auch bei Privathaltern zu realisieren ist, und dort nicht nur in Außenvolieren, auch wenn sie meist als günstigste Form der Unterbringung angesehen wird.[3]

Ich bin ebenfalls überzeugt davon, dass es artgerechte Haltung in Privathand und sogar in der Wohnung, in Ausnahmefällen bei kleineren Arten auch im Wohnzimmer, geben kann, wenn der Begriff wie oben nach tiergartenbiologischen Ansatz definiert wird und nicht als „1 zu1 Kopie“ der Natur und des Freilebens.
Bei artgerechter Haltung geht es vielmehr darum, die verschiedenen Elemente eines Haltungssystems so aufeinander abzustimmen, dass sie die oben genannten Kriterien erfüllen.
Beispiel: Viele freilebende Papageien ernähren sich im Freileben von sehr fetthaltigen Nüssen. Im Freileben macht das durchaus auch Sinn, da sie einen hohen Energieverbrauch bei der Nahrungssuche, Flucht vor Feinden, Nistplatzsuche und -verteidigung gegen Rivalen und Konkurrenten, bei der Jungenaufzucht etc. haben oder weil sie nicht wissen, wann sie das nächste Mal Futter finden.
Unter den Bedingungen der Haltung in Menschenhand kann eine Fütterung mit diesem natürlichen Nahrungsmittel allerdings fatal sein und hätte schnell Übergewicht, Fettleibigkeit, Leberschäden und den baldigen Tod zur Folge.Insofern ist die Fütterung an die vorhandenen räumlichen Gegebenheiten und die Aktivitäten der Vögel anzupassen.

Die aus dem tiergartenbiologischen Ansatz abgeleiteten Forderungen an das Haltungssystem sind auch für die Wohnungshaltung keineswegs zu extrem, wenn sie auch oft ein Umdenken von uns Menschen erfordern. Als bislang überzeugendste Definition des Begriffes „artgerecht“ mit wissenschaftlichen, d.h. objektivierbaren und quantifizierbaren Kriterien sehe ich diese Kriterien und Forderungen als ein Maßstab an, anhand dem ich die Haltung meiner Vögel überprüfen und weiter optimieren kann. Für mich bedeutet „den Tieren ein schönes Zuhause zu bereiten“ eben, dass sie in diesem Sinne möglichst artgerecht gehalten werden. Allerdings möchte ich keinesfalls behaupten, dass mein Haltungssystem wirklich schon artgerecht ist, das es mir wirklich schon gelungen ist, alle Kriterien der artgerechten Haltung bereits zu verwirklichen. Einige Probleme habe ich noch nicht zu meiner Zufriedenheit (und möglicherweise auch nicht zur Zufriedenheit meiner Papageien) lösen können. Auch ich gehe bei der Haltung meiner Vögel noch Kompromisse ein, mit denen ich und vor allem – wie ich hoffe – meine Vögel leben können. Solche Kompromisse finden sich vor allem im Bereich Fortpflanzung, Erziehung und in der Tier-Mensch-Beziehung. 

  1. [1]s. Lantermann, Papageienkunde (1999), S.54f., Luft, Der Graupapagei (1994), S.48 f..
    Auch Lantermann, Verhaltensstörung (1998)Lantermann, Graupapageien (2006),
    Luft, Graupapageien (2005).
  2. [2]Auch PDF-Download: Positionspapier des Deutschen Tierschutzbundes zur Haltung von Exoten
  3. [3]vgl. Lantermann, Papageienkunde (1999), S.67f., Luft, Der Graupapagei (1994), S.52f.. Auch Schratter, Graupapageien (2001).


Kommentare

Der tiergartenbiologische Ansatz — 1 Kommentar

  1. Aus der Webseite die Wikipedia:
    Suchergebnisse Tierbiologie.
    Die Artikel u.a. über Heini Hediger und Otto Antonius.

    Aus der Webseite des Verbandes Deutscher Zoodirektoren e.V.:
    Lexikon der Fachbegriffe: Tiergartenbiologie

    Suchergebniss: Tiergartenbiologie

    Tierhaltung

    Aus der Webseite der Crane Experience:
    Methoden des Tiergarten- und Wildlifemanagements (pdf)

    Aus der Webseite des Tiergartens Schönbrunn:
    Das Forschungspotential in Zoos und Aquarien – Die Forschungsstrategie des EAZA (pdf)

    Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz:
    Haltung von Papageien – Gutachten der Sachverständigengruppe über die Mindestanforderungen an die Haltung von Papageien (10. Januar 1995)

    Und der Artikel → „Mindestanforderungen an die Haltung von Papageien

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