Die eigenen Möglichkeiten (Der Prozess der Anschaffung 4)

Bei der Frage, welches der richtige Vogel für mich ist, wissen wir nun einiges über die Haltungsansprüche der gewünschten Art.
Nun muss man prüfen, inwieweit man diesen Haltungsansprüchen gerecht werden kann – welche Möglichkeiten zur Vogelhaltung man hat und ob sie der Art gerecht werden können:

  • Räumlichkeiten

Wie groß ist meine Wohnung?
Habe ich ein eigenes Zimmer für die Vögel zur Verfügung?
Oder muss / will ich sie im Wohnzimmer halten?
Wie viel Platz kann ich den Vögeln darin einräumen?
Wie groß kann/darf die Voliere sein?
Ist Freiflug möglich und wenn ja, wie oft und wie lange?
Wie viel Flugraum steht dann den Vögeln zur Verfügung?

Ein Wohnzimmer mag für eine Voliere mit Wellensittichen und deren Freiflug ausreichend groß sein, für ein Arapärchen hingegen nicht mehr.

Vogelwohnzimmer1

 

  •  Nachbarn

Ein sehr häufiges Problem in der Papageienhaltung sind die Nachbarn und es sei gleich gesagt: der Halter hat schlechten Karten, wenn es zu Beschwerden kommt. Deshalb muss man sich fragen:
Wie hellhörig ist die Wohnung ist?
Wie ist das Verhältnis zu den Nachbarn?

Die Haltung von relativ leisen Arten wie bspw. Bourkesittichen mag möglich sein, die von Aratingas jedoch nicht.

  • Geld

Bei der Frage „Welcher Vogel soll es sein?“ spielt Geld vor allem und zunächst bei der Anschaffung und der Erstausstattung eine Rolle. Einige Arten sind teurer als andere, größere Arten brauchen größere Volieren, größere Futternäpfe etc..
Doch die Unterhaltskosten unterscheiden sich gar nicht so sehr: Trocken-(Körner-)futter für Aras ist nur unwesentlich teurer als für Wellensittiche, die Tierarztrechnung kann für einen Wellensittich genauso hoch wie für einen Ara sein. Gerade dies sind erhebliche Folgekosten, die man einkalkulieren muss.
Geld spielt auch eine Rolle bspw. bei der Urlaubsplanung: mögen Verwandte oder Freunde noch bereit und in der Lage sein, ein Pärchen Wellensittiche zu versorgen, so sind bei Großpapageien andere Wege zu bestreiten wie einen „Papageiensitter“, der aber auch Kosten bspw. für Anfahrt und Aufwandsentschädigung verursacht.

  • Zeit

Schließlich: Wie viel Zeit habe ich für das Tier?
Zeit für die Grundpflege (Fütterung, Säuberung des Käfigs oder der Volere und ihrer Umgebung oder des Vogelzimmers)?
Zeit für die Beobachtung und für den unmittelbaren Kontakt?
Bin ich Vollzeit berufstätig, sehr oft privat außer Haus, im Schichtdienst?
Dann bspw. sind Papageien zu empfehlen, die sich selbst genügen, die nicht auf den Kontakt mit dem Menschen angewiesen sind und bei denen man tatsächlich nur als Beobachter und Pfleger fungiert.

  • Familie

Papageien im Wohnzimmer betreffen alle Familienmitglieder, schließlich teilt die Familie ihr Lebensumfeld mit den Papageien. Alle Familienmitglieder müssen täglich mit Schmutz und Lärm leben, auch wenn sie nicht die Versorger und Pfleger der Vögel sind.
Unter Umständen müssen sie auf eine gemeinsame Urlaubsfahrt verzichten, wenn keine geeignete Urlaubspflege zu finden war oder die Tierarztkosten die Urlaubskasse geleert haben.
Ein Familienmitglied muss sich manchmal intensiver mit den Papageien und ihrem Verhalten beschäftigen als geplant, wenn plötzlich er oder sie die Bezugsperson geworden sind oder von den Papageien als Rivalen angesehen und im extremen Fall attackiert werden.
Letztlich müssen also auch alle Familienmitglieder hinter dem Wunsch nach der Haltung von Papageien stehen und zumindest eine gewisse Begeisterung dafür entwickeln.

  • Lebensplanung

Viele Papageienarten werden mehrere Jahrzehnte alt. Passt das in meine Lebensplanung?
Als junger Mensch möchte man vielleicht längere Zeit ins Ausland, oder man weiß nicht, wie es sich mit Beruf und Einkommen entwickelt; oder man will eine Familie gründen, Kinder haben und braucht auf einmal das Vogelzimmer als Kinderzimmer  – wie paßt das zusammen mit der Papageienhaltung?
Sicherlich ist es einfacher, wenn die eigenen Lebensumstände gefestigt sind und wenn man halbwegs abschätzen kann, wieviel Raum, Zeit, Geld für die Vögel zur Verfügung stehen und welche Einstellung die Partner und Familienmitglieder zur Haltung haben.
Oft ist dies aber erst in späteren Lebensjahren der Fall (wenn überhaupt, und unkalkulierbare Lebensrisiken gibt es immer).
Von daher erscheint es empfehlenswert in jungen Jahren Papageienarten zu bevorzugen, die nicht so langlebig sind.
Aber andererseits: entschließt man sich erst später zur Haltung langlebiger Arten kann es durchaus passieren, dass diese Vögel einen überleben. Und man muss für diesen Fall eine entsprechende Vorsorge treffen.

  • Wieviel gebe ich ab?

Die wichtigst Frage überhaupt, die man sich selbst stellen und beantworten muss:
Wieviel Geld, wieviel Zeit, wieviel Raum bin ich, mein Partner, meine Familie bereit abzugeben für meine Vögel?
Kann ich mit angefressenen Tapeten und Möbeln leben?
Kann ich damit leben, dass meine Papageien eines Tages in einem kurzen Moment der Unaufmerksamkeit doch ein wertvolles Erinnerungsstück zerlegt haben?
Dass sie doch ins Bücherregal geschlüpft sind um Konfetti herzustellen?
Dass ich täglich, jede Woche, jeden Monat, jedes Jahr eventuell über Jahrzehnte hinweg Voliere oder Vogelzimmer sauber machen muss, zweimal täglich frisches Wasser und Futter geben muß?
Dass eventuell eine längere Urlaubsreise ausfallen muss weil sich kein Pfleger findet? Und eine Urlaubspflege ist sicherlich leichter für Wellensittiche zu finden als für Amazonen, Graupapageien oder Aras.
Dass ein Tierarztbesuch für einen Vögel, der 20€ gekostet hat, 100€ oder mehr kostet?

Bin ich also bereit über einen langen langen Zeitraum etwas abzugeben von meiner Freiheit und mich derart zu binden?

 


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