Nur Beobachter und Pfleger?

Die fünfte, aus den Kriterien des tiergartenbiologischen Ansatzes abgeleitete Forderung  – dass man als Besitzer nur als Beobachter und Pfleger fungiert – macht es notwendig, nochmals zu den Motiven und Erwartungen zurückkehren.
Wenn so oft von den Vorteilen der Außenvolierenhaltung die Rede ist und das sie artgerechter sei als die in der Wohnung stellt sich natürlich die Frage, warum man diese Haltungsform nicht wählt.

Natürlich gibt es da die offensichtlichen Gründe: man verfügt über kein eigenes Grundstück oder befürchtet Konflikte mit der Nachbarschaft auf Grund der Lärmentwicklung.

Oft sind es aber nicht alleine diese Gründe, die zu der Entscheidung für eine Wohnungshaltung geführt haben:
Für viele Halter ist es wichtig, die Tiere in ihrer unmittelbaren Nähe, in ihrem täglichen Lebensumfeld zu haben und nicht in einer vielleicht 30m entfernten Gartenvoliere, die man unter Umstänbden nur einige Stunden am Tag besucht.

Man wünscht sich, aus welchen psychologischen Gründen auch immer, eine engere Tier-Mensch-Beziehung.

Nur Pfleger?

Zumindest mir geht das so. Auch zu Zeiten, in denen ich eine Freivoliere hatte, habe ich immer auch Papageien in der Wohnung gehalten. Und ich kenne viele Züchter, die neben ihrer Außenvolierenanlage auch immer Papageien in der Wohnung halten, zu denen sie eine besonders enge Beziehung haben.

Dieser Wunsch steht zweifellos im Widerspruch zu der Forderung, nur als Beobachter und Pfleger zu fungieren.
Und diese Forderung hat ihre Berechtigung, denn die enge Tier-Mensch-Beziehung ist häufig die Ursache für viele Probleme, die wir mit unseren Vögeln haben,  und die oft dazu führen, dass das Kriterium 5 des tiergartenbiologischen Ansatzes – keine auffälligen Verhaltensabweichung und Verhaltensstörungen – nicht erfüllt wird.
Der Wunsch nach einer engen Tier-Mensch-Beziehung impliziert Erwartungen und Anforderungen an die Papageien, die diese als Wildtiere nicht erfüllen können.
Es werden dann Maßnahmen ergriffen, damit sie es doch tun wie bspw. durch Einzelhaltung, durch Handaufzucht und die Prägfung auf Menschen oder das „Antrainieren“ bestimmter Verhaltensweisen.

Sicherlich und unzweifelhaft hat der Wunsch, Papageien in der Wohnung zu halten, seine Quelle in einem egoistischen Bedürfnis des Menschen. Und da viele Papageienarten ungeheuer anpassungsfähige Tiere sind, scheinen sie in unser Obhut auch nicht zu leiden.

Dennoch sollte und darf der Egoismus nicht soweit gehen, das man die Kriterien einer artgerechten Haltung außer Acht lässt, sondern Ziel muss stets sein, sie zu verwirklichen, auch wenn man nicht nur Pfleger und Beobachter ist oder sein kann oder sein will.

Für mich stellen die an die Haltung von (Groß-)Papageien aus dem tiergartenbiologischen Ansatz abgeleiteten Forderungen dabei eine wichtige Richtschnur dar.
Zweifellos bleibt es jedem selbst überlassen, ob und wann er Kompromisse eingeht – ich habe meine Entscheidung dazu gefällt und dazu gehört bspw. auch, das ich um der Graupapageien willen jahrelang auf ein gemütliches, ästhetisch ansprechendes Wohnzimmer verzichtet hatte und jetzt ein eigenes Zimmer für sie eingerichtet habe.

 


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